Buchempfehlung

1Q84 - 1. und 2. Teil

Haruki Murakami

Übersetzerin: Ursula Gräfe

 

Haruki Murakami - 1Q84 In zwei parallellaufenden Handlungssträngen erzählt Murakami in abwechselnden Kapiteln von der Auftragsmörderin Aomame und dem bisher erfolgslosen Schriftsteller Tengo. Aomame gerät plötzlich in eine Welt, in der ihr einige Dinge ungewohnt erscheinen, wie z. B. ein zweiter Mond oder neue geschichtliche Ereignisse, und tauft sie daraufhin 1Q84. Tengo schreibt unerlaubterweise ein erfolgversprechendes Manuskript einer 17-Jährigen um, wodurch die Geschichte zum Bestseller wird. Beide werden immer mehr in das Geschehen einer undurchsichtigen Sekte verwickelt, wo vermutlich unschöne und gefährliche Dinge ablaufen.

 

Die in Deutschland zusammengefassten zwei von drei Teilen mit über 1000 Seiten kann man unfassbar schnell lesen, was an daran liegt, dass Murakami sehr klar, simpel und schlüssig schreibt.

 

Er schreibt realistisch aus dem echten Leben und arbeitet mit Charakteren, die auf der einen Seite alltäglich wirken, aber in ganz besondere Situationen verwickelt sind. Sie haben eine schwierige Kindheit hinter sich und ein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern. Aomame und Tengo sind einsame Menschen, weil ihnen jemand fehlt, dem sie voll vertrauen können.

 

All seine Charaktere sind sehr facettenreich. Sie sind so detailliert beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte sie erkennen, wenn ich ihnen begegnen würde.

 

In seine realistische Geschichte fügt Murakami ganz im Sinne des Magischen Realismus fiktive Elemente ein. Diese wirken aber so, als ob sie wirklich sein könnten. Alles Fiktive ist zunächst auch seltsam für die Charaktere, die das Ungewohnte aber mal schneller, mal langsamer als wirklich annehmen. Auf den Leser haben diese Elemente dank Murakamis Erzählstil eine besondere Wirkung: Sie scheinen recht banal zu sein, aber gleichzeitig beunruhigend und setzen einen Punkt in der Spannung, die sich zunehmend entwickelt.

 

Was passieren wird, ist unberechenbar. Genauso wie in „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ fragt man sich als Leser, wie die beiden Erzählstränge zusammen hängen. Man bekommt immer wieder mögliche Hinweise, aber was sie wirklich verbindet, ist total überraschend und so logisch, dass man sich ärgert, warum man nicht selber draufgekommen ist.

 

Murakami meidet keine „Tabus“ oder andere Themen, die andere Autoren oft weglassen: Er schreibt z. B. sehr offen über Sexualität und bezieht auch eigentlich selbstverständliche Themen wie das Benutzen von Kondomen mit ein. (Was meiner Meinung sehr wichtig ist, um nicht bei den Lesern den Schein zu wecken, dass es eine zu vernachlässigende Sache wäre.)

 

Murakami bindet in viele seiner Romane zwei bedeutende Ereignisse für Japan ein, die sich beide im Jahr 1995 ereigneten: Das Erdbeben von Kobe und den Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn, der von einer japanisch-russischen Sekte aus ging. In 1Q84 greift er die Sekte auf, indem er eine ähnliche beschreibt.

Zudem behandelt er intensiv das Thema Kindervergewaltigung und Frauenhilfe.

 

Murakami versteht es ganz genau, seine Leser zu fangen und nicht mehr loszulassen. Jetzt, ein paar Wochen nachdem ich das Buch gelesen habe, fühle ich mich immer noch wie mittendrin.